Am Abend auf Marens Party erklärt mir Verena in diesem typischen Verenastyle, so als wäre sie total auf Speed und Koks gleichzeitig, aber sie nimmt ja keine Drogen, weil sie meint sie sei schon abgedreht genug und das kann ich nur bestätigen, also Verena erzählt mir, daß Frauen, die sie anscheinend persönlich kennt, die Attraktivität von Männern in einem Wertigkeitssystem aufschlüsseln. So, so...
Punkt eins: Charme. Unter diesen Oberbegriff fallen die folgenden Unterattribute: Humor, Aufmerksamkeit, Spontaneität und das schwammige "Dem Anderen das Gefühl geben, dass er sich wohl fühlt".
Punkt zwei: Aussehen. Unterattribute: Supergeile Fresse, Sweetface, ok Aussehen und Scarface.
Punkt drei: Sicherheit. Unterattribute: Massig Geld, genug Geld, bald massig Geld.
Was ist mit Sexy-sein? frage ich, worauf Maren mich von der Seite anstößt und ihre scheiß sexy Augen in meinen verhakt.
- Vincent Gallo ist super sexy!
Es tröpfelt mit einem dermaßen bedeutungsvollem Unterton aus ihrem Mund, dass ich es selbst fast glaube. Sie blickt verstohlen zu ihrem Freund, der am anderen Ende des Fernsehzimmers dieser überteuerten Prenzelberg-Wohnung mit einer widerspenstigen Chipstüte beschäftigt ist, dreht sich zu mir zurück (natürlich mit diesem 'Nimm mich, egal was passiert - Blick', den ich mir immer wieder gerne einbilde) und schon verhaken wir uns wieder, schauen uns viel zu lange an und sie spürt genau, dass ich in ihren Augen versinke aber sie hat alle Zeit der Welt und läßt mich genüsslich absaufen.
Während ich supersexybeschwingt richtung Meeresboden gleite fragt mich Maren, was ich denn so bei Frauen attraktiv finde. Ich strecke meine Hand noch mal aus dem angenehm warmen Wasser, ziehe ausgiebig an dem riesigen genmanipulierten Joint, der gerade über mir vorbeikommt, gebe ihn an Maren weiter und erkläre ihr, während sie seltsam verschwommen mit dem Joint herum spielt, dass Attraktivität für mich eine sehr spezielle Mischung aus verschiedenen kleinen Dingen ist: Ein Duft, eine kleine ungelenke Geste, ein bescheuertes Hobby, sich gut zu bewegen, leidenschaftlich zu sein, nicht in Wertigkeitssystemen zu denken, den Augenblick genießen zu können, nicht immer reden zu müssen, kein Ziel zu brauchen, eine kleine Narbe, eine Schwäche, eine witzige Postkarte aus Wuppertal zu verschicken und dann meldet sich von Null auf Hundert dieser kleine, braune Krümel, den Marc und ich uns vor ein paar Minuten auf dem Klo geteilt haben und die gesamte Raumperspektive zerfließt in komischen Mustern und fällt über mich her oder ich über sie, das ist jetzt irgendwie nicht ganz klar aber auch egal, denn plötzlich stehen alle Partygäste auf und applaudieren mir. Alles passiert jetzt zeitgleich, also, fürchterlich komprimiert mit so kleinen Hackern dazwischen... Maren zieht ihr ärmelloses, schwarzes Lurexoberteil aus, drückt kichernd meinen Kopf zwischen ihre Brüste (das ist jetzt sehr schwarz und weich auf einmal) und dann wird's wieder sehr hell, alles fließt so bescheuert durcheinander und das Letzte was ich sehe, bevor ich offensichtlich in irgend so eine Ketamin Twilight Zone gesaugt werde, ist meine Unterschrift neben einem Comic-Hasen auf Verenas Gipsbein.
es ist nacht und ich gehe durch die straßen der stadt. alles liegt unter einer dicken schneedecke. keine menschen, kein verkehr. ich höre auf meinen atem, wundere mich darüber, dass ich sonst keinerlei anderen geräusche wahrnehmen kann aber da ist nichts mehr. du mußt atmen, baby... ich gehe schneller, atme stärker, steigere den rhythmus und beschleunige meine schritte, bis ich renne. kein geräusch außer meinem atem, der immer tiefer in mich hinein fährt, immer mächtiger wird. ich rase durch die häuserschluchten, die jetzt nichts mehr sind, als tote kulissen einer Parallelgegenwart, unfähig ein echo zu mir zurück zu werfen und je schneller ich werde, desto mehr lasse ich hinter mir. kleidung, haare, die haut, das fleisch, alles wird vom schneidenden gegenwind abgeschmirgelt und ich beschleunige weiter, immer schneller und schneller und das ist jetzt absolut klar... atmen, baby... ich weiß... ich weiß genau, dass ich endlich zur ruhe kommen werde - wenn nichts als mein atem übrig sein wird.
Direkt vor meiner Nase liegt, völlig versifft, einer meiner Schuhe. Der andere poltert von der Bettdecke, die ich vom Boden raffe, um mich zuzudecken. Mir ist kalt und mein ganzer Körper tut weh. Draußen ist es dunkel und die kleinen Leuchtzeiger meines Weckers stehen auf kurz nach Neun. Ich liege eine Weile bewegungslos da, lausche dem gleichmäßigen Trommeln der Regentropfen auf dem Fensterbrett, versuche mich an die vergangene Nacht zu erinnern aber da ist nur das Bild, wie ich im strömenden Regen auf einer Art Baustelle bin und das irgendwie toll und abenteuerlich finde. Was war auf der Party los? Ich weiß, dass ich gestern bei Maren war - aber mehr nicht.
Während ich weiter vor mich hin döse, tauchen in Zeitlupe aus den Tiefen meines geschundenen Gehirns vereinzelte Puzzlestücke auf. Ich erinnere mich an ein paar bekannte Gesichter auf der Party, zusammenhanglose Gesprächsfetzen, dunkel an das Klo von Maren, an Marc und dass wir dort irgendwelchen Scheiß genommen haben, aber ab da ist Filmriss. Meine Blase drückt und als ich vorsichtig aufstehe und von draußen ein wenig Kunstlicht auf mich fällt und ich an mir runtersehe, trifft mich fast der Schlag. Ich habe noch Hose, Strümpfe und T-Shirt an und alles ist völlig verdreckt. Ich glaubs nicht.. Überall dunkelbraune, verkrustete Flecken. Auch an den Händen und - jetzt spüre ich es ganz deutlich - im Gesicht auch. Ich taste mich fluchend durch die dunkle Wohnung, richtung Bad. Im Flur stolpere ich über etwas, dass mich entfernt an meine Jacke erinnert aber ich habe gar keine Lust mir die jetzt genauer anzuschauen. Im Bad steige ich aus den stinkenden Klamotten, zünde ein Teelicht an und warte, auf dem Klo sitzend, bis die Wanne halb voll ist. Nebenan klingelt das Telefon - einmal - dann ist wieder Stille.
Nach dem Baden ist zwar der braune Scheiß von meiner Haut runter, mein bißchen Kreislauf allerdings endgültig am Boden. Während ich, zurück in meinem Zimmer, dampfend, in ein Handtuch eingewickelt, mit dem Rücken an der Heizung hocke und unentschlossen auf das halbvolle Päckchen Zigaretten neben mir starre, fällt mein Blick auf das, natürlich genauso versiffte, braun gefleckte Bett und dann muß ich sofort eine rauchen, wegen der schlechten Laune und dann noch eine und dann rufe ich endlich bei Marc an aber da nimmt niemand ab.
Bei Verena habe ich Glück. Sie lacht sich allerdings auf meine betont beiläufige Frage, was gestern Abend denn noch so los gewesen sei, erst mal halb tot und erzählt dann, dass ich irgendwann plötzlich Maren umarmt hätte und dann einfach umgekippt sei und man mich auf einen Stuhl gesetzt hätte und dann hätte ich sehr lange bewegungslos auf diesem Stuhl gesessen, die Augen halb auf und geatmet hätte ich ganz schwer und dann sei ich irgendwann aufgesprungen und hätte gehen wollen und Maren hätte mir noch meine Jacke angezogen weil ich sonst wohl ohne gegangen wäre. Und dann hätte ich Maren noch mal umarmen wollen und der Freund von Maren, der habe mich dann zur Tür gedrängt, worauf ich ihn mit den angeblichen Worten "Nimm deine ekligen Finger weg, du Wurst!" beschimpft, mich umgedreht und gegangen sei. Noch lustiger sei allerdings gewesen, dass Marc, kurz nach meinem Abgang, vor allen Leuten, mitten im Wohnzimmer, gekotzt hätte. Während ich kurz überlege, was daran jetzt lustiger sein soll, erzählt Verena kichernd weiter, dass sich Maren und ihr Freund darauf hin fürchterlich gestritten hätten und das dann auch das Ende der Party gewesen sei. Marc hätte zwar noch mal im Treppenhaus gekotzt aber Verena meint das wäre dann nicht mehr sooo spektakulär gewesen. Da bin ich ja - bis auf die undurchsichtige Baustellenaktion - einigermaßen glimpflich davongekommen, denke ich.
Wir plaudern noch eine Weile und ich erzähle von meiner Cousine, die sich mal beim Schaukeln beide Arme gebrochen hatte und dann sechs Wochen nicht mal mehr alleine aufs Klo gehen konnte. Die Geschichte kommt bei Menschen, die nur eine Extremität eingegipst haben, eigentlich immer ganz gut an aber Verena ist auch ziemlich fertig von gestern, gähnt jetzt dauernd künstlich und dann tun wir uns beide den Gefallen und legen auf. Ich mache mir einen löslichen Zitronentee, stopfe den ganzen braunen Scheiß in die Waschmaschine und schaue auf Video die Simpsonsfolge, in der Mr. Burns als vollgedrogter Atomgeist, hell erleuchtet, durch den Wald von Springfield schwebt. "Ich bringe euch Liiiiieebeee!!! " ruft Mr. Burns, während ich überlege, wer mir wohl Liebe bringt.
Tuesday, 29 January 2008
Deutsch Lernen / Learning German >> Part 3 >> DER FORTSETZUNGSROMAN
Pin ItSunday, 13 January 2008
Deutsch Lernen / Learning German >> Part 2 >> DER FORTSETZUNGSROMAN Teil 1
Pin ItIch rufe Marc zurück und sage ihm, dass ich eh um halb drei zur Arbeit muß und er meinen Wohnungsschlüssel unter der Fußmatte findet. Als ich unten am Briefkasten vorbeikomme fällt mir ein, dass ich mal wieder den Brief an meine Eltern vergessen habe. Er liegt seit Tagen versandfertig auf meinem Schreibtisch und ich hoffe ganz ehrlich, dass er da noch lange liegen bleiben wird: Der peinliche Bittbrief, in dem es explizit um Geld geht. Geld, das ich nicht habe, weil ich seit Monaten mehr ausgebe als ich verdiene. Ich weiß, dass ich da in guter Gesellschaft bin aber das beruhigt mich nicht wirklich.
Von Mai bis Oktober hatte ich noch einen prima Job als Aufsicht im Technischen Museum nur war der leider befristet. Zur Zeit knechte ich viermal die Woche bei HAPPY VIEW VIDEO, wo ich mir bei abwechselnden Früh- und Spätschichten für sechs Euro pro Stunde die Beine in den Bauch stehe, wobei der Museumsjob nicht nur besser bezahlt war, ich hatte dort vor allen Dingen meine Ruhe. An meinem neuen Arbeitsplatz läuft dagegen den ganzen Tag - voll aufgedreht und fest eingestellt - Radio 104.6 mit den tollsten Hits der 70er, 80er, 90er, und dem Besten von Heute. Wenn man da nach acht Stunden rauskommt, dröhnt einem der Schädel, als hätte man eine Vietnamesische Wassertropfenfolter hinter sich. HAPPY VIETNAM VIDEO. Das Tragen eines amerikanischen Stahlhelms mit Tarnbezug und ironischer Eddingbeschriftung wurde mir letzte Woche allerdings ausdrücklich verboten. Zumindest während der Arbeitszeit. Charly surft nicht. Was HAPPY VIENAM VIDEO von bestimmt allen anderen Videotheken unterscheidet, ist die klare logistische Trennung von Videoannahme und Videoausgabe. Videoannahme, der eindeutig bessere Zeitvertreib, weil man ab und zu mal herum rennen kann um die Magnetschildchen wieder unter die ausgestellten Leerhüllen zu kleben, macht ausschließlich Herr Degenhardt, der nicht nur Geschäftsführer und Erfinder schwachsinniger Annahme/Ausgabekonzepte ist, er scheint auch in dem Laden zu leben. Kein Mensch kann auf Dauer immer früher kommen und später gehen. Beim Vorstellungsgespräch war er ganz angetan von mir, aber so nach und nach stellt er jetzt wohl fest, dass er mich eigentlich nicht ausstehen kann. Er hockt da also den ganzen Tag zwei Katzensprünge von mir entfernt, verfolgt jede meiner Bewegungen mit kritischem Blick und verflucht sich insgeheim dafür, keine Frau mit dicken Titten eingestellt zu haben. Der tragische Held unserer Geschichte (ich), paranoid & gefangen in einer Z w e i m i n u t e n z e i t s c h l e i f e :
Die kleinen, speckigen Magnetschildchen vom Kunden entgegennehmen > zum großen Stahlregal hinter mir latschen > die Kassetten aus dem großen Stahlregal hinter mir heraussuchen > die Magnetschildchen an die Stelle der herausgeholten Kassetten kleben > zurück zum Tresen > die Karte mit dem Strichcode entgegennehmen > die Karte scannen > enter drücken > die Karte zurück auf den Tresen legen > aus dem Fach unter mir die erforderliche Anzahl Hüllen herausholen > die Kassetten in die Hüllen legen > scannen der Kassetten > enter drücken > schließen der Hüllen > das Papier aus dem Rechnungsdrucker links von mir abreißen und mit der lesbaren Seite in Richtung des Kunden zeigend, auf den Tresen neben die Videos legen > die Rechnungssumme auf dem Bildschirm rechts von mir ablesen > dem Kunden den Betrag nennen > das Geld entgegennehmen > die Kasse öffnen > Wechselgeld herausgeben > checken, ob die beiden Kulis noch auf der Theke liegen > die unterschriebene Rechnung vom Tresen nehmen > zweimal falten > "Auf Wiedersehen" sagen und sie, während schon der Nächste vor mir steht, in den Mülleimer neben dem Drucker werfen.
Genau wie bei Aldi, nur im Stehen. Und die ganze Zeit über muß man kommunizieren, denn rechts neben mir befindet sich noch eine zweite Video-Ausgabe und meine vier, in Wechselschicht rotierenden Mitarbeiter können das Maul nicht halten. Ein Quasselmarathon. Ohne Ausnahme. Nicht eine Minute. Immer reden, reden, reden, die ganze Zeit blablablablabla und immer in unnatürlicher Lautstärke, weil man ja gegen Radio 104.6 anbrüllen muß. Ich arbeite in einer Dorfdiscoaldizeitschleifenstehvideothek, in der niemand tanzt. Wie schön war dagegen die Zeit als ich in einer lustigen Uniform, weise lächelnd, durch die Hallen des Technischen Museums flanieren konnte. Der klassische Mac Job, bei dem man ohne Streß in aller Ruhe seinen Gedanken nachhängen kann. Das mache ich nämlich gern und langweilig ist mir dabei nie.